Vom Stress zum Burnout

„Guter Stress“ versus chronischer Stress, Unter- oder Überforderung, Chaos bei den Neurobotenstoffen, vom Stress zum Burnout und weiter zur Depression? Auszeitnehmen oder braucht es nur eine Entspannungstechnik? Lösen Medikamente das Problem? Ist unser Wirtschaftssystem schuld?

Über Stress und die Auswirkungen auf Körper und Seele wurde bereits viel geforscht und geschrieben. Unsere Stress verarbeitenden Systeme im Körper „antworten“ verlässlich und unwillkürlich auf bestimmte Anforderungen – das wird auch„Coping“ genannt. Vor vielen Generationen (aber auch jetzt noch) ging es dabei in der Hauptsache um die Bewältigung von Gefahrensituationen.

Flüchten, Kämpfen (Walter Cannon) oder Erstarren stand den Menschen zu Verfügung. Heute, so könnte man meinen, ist als vierte und jüngste Strategie das „Aushalten und Darüber-Grübeln“ hinzugekommen. Diese macht viele Menschen krank. Veränderte Lebensbedingungen als Ursache für mehr Stress? Unser Leben ist komplexer geworden, denn es gelangen mehr Reize in uns zur Verarbeitung, vieles davon gleichzeitig. Die Vorstellung von uns und davon was wichtig ist hat sich geändert. Die Digitalisierung und Computerisierung hat das Denken verändert. Alles spielt sich wesentlich rascher ab. Um uns herum, in unseren Beziehungen und in den Umweltbedingungen. Damit sind bedeutend mehr Variablen im Spiel und während wir eine Sache erleben, kommunizieren wir das gerade Erlebte und sind mit den Folgen von beidem konfrontiert.

Und: Wir leben mit deutlich weniger Bewegung, dies ist in Bezug auf den Stressabbau bedeutsam, wie weiter unten ausgeführt wird.

 

Grundlagen | Stresskunde

 

Belastende Reize werden Stressoren genannt. W. Stangl-Taller teilt diese in objektive (Hitze, Lärm, monotone Arbeit, Hunger, Krankheit, Armut, Krieg etc.) und subjektive Stressoren (eigene Denkmuster, Ärger, Wut, Leistungsdruck von innen, Hilflosigkeit, Konkurrenz, Zeitdruck etc.) ein. Stressoren wirken nicht immer nur von außen!

Personenbedingt stressen Z.B. Übermotivierung, fehlende Qualifikation oder Bezug zur Arbeit, Konflikte zwischen Familie und beruflicher Karriere, Rollenkonflikte. Hier setzt auch eine Psychotherapie an.

Bei Burnout im Sinne von seelischer Erschöpfung stehen die seelischen, sozialen und arbeitsbezogenen Stressoren im Fokus. Was uns seelisch stresst sind z.B. Versagensängste, Zeitdruck, Langeweile oder Überforderung, fehlende Mitbestimmung, Transparenz und Wertschätzung, aber auch Eintönigkeit, ganz besonders auch fehlende Regeneration.

Sozialer Stress entsteht durch Konflikte, Verlusten, Isoliertsein, Gruppendruck, Konkurrenzverhalten, Lieblosigkeit im Umgang, neuerdings auch durch Missbrauch sozialer Medien, mobbing, bullying etc.

Wie mir in zahlreichen Therapiestunden aufgefallen ist, können auch bestimmte Wertvorstellungen zu Stressoren werden. Werte lenken bekanntlich das Denken und im weiteren das Handeln. In der Psychotherapie wird daher auch darauf Bezug genommen. ("Welchen Preis hat Ihre Einstellung, wie könnte es anders gehen?")

 

Ob Reize als Belastung wahrgenommen werden hängt auch von deren Einschätzung oder Bewertung ab. Beispiel Lärmbelastung: Objektiv tut sich etwas im Körper, wenn Lärm auf uns einwirkt, es kann jedoch auch zu Gewöhnung kommen. In der Stadt wachen die Leute nicht bei jedem vorbeifahrenden Auto auf. Was sich ebenfalls auswirkt sind die Dauer der Einwirkung und die Abschätzbarkeit, wann die Stresseinwirkung wieder aufhört oder wie dies alles einzuordnen ist.

Ist das Ende offen oder wird uns das Ende wiederholt angekündigt und wieder hinausgeschoben, wirkt sich der Umstand besonders negativ aus. Hoher Stressfaktor! Beispiel: Sie sind mit 20 Wochenstunden angestellt und sollen "vorübergehend" (?) mehr arbeiten. Dies Übergangszeit wird mehr und mehr zur Dauerlösung. Sie können dies jedoch nur schwer mit den familiären Gegebenheiten koordinieren. Stress entsteht. Für 3 Wochen wäre es vorstell- und organisierbar gewesen. Aber auf unbestimmt?

Schema Stresseinwirkung auf den Körper

Wie wirkt Stress?

Über die Sinne erhalten wir Reize, die an den Thalamus im Gehirn weitergeleitet werden - er trifft mit dem Großhirn die Entscheidung: gefährlich / nicht gefährlich. Sollte bei der Einschätzung Gefahr herauskommen, löst dies Signale an die Amygdala und an das sympathische Nervensystem aus.

Nun steigern sich Blutdruck & Herzschlag und Energie wird bereitgestellt, Der Sympathikus läßt Adrenalin einschießen und aktiviert den Körper zur Gefahrenreaktion (siehe Grafik unten /blauer Mensch) Ist der Alarm beendet beruhigt sich das gesamte System wieder. (Sympathikus Nebennierenmark Achse - bei kurzzeitiger Stresseinwirkung).

Hat diese Reaktion die Gefahr nicht beseitigen können, kommt es über den Hypothalamus und die Hypophyse zu Cortisolausschüttung. Unser Dauerbelastungssystem, die HHNA Achse ist nun aktiviert. Bleibt diese durch Dauerstress weiterhin aktiv, kommt es zu Störungen des Systems und zu Dauerschäden. Cortisol rüttelt auf Dauer an der Immunlage des Körpers, stört den Schlaf, die Verdauung, reduziert die Libido - weitere Wirkungen sieh in Medizin-Intensiv.

Nebenstehende Grafik wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Holger Gugg.

Wer durch Mehrfachbelastung (Job, Ausbildung, Hausbau, Familie, Pflege, existenzielle Probleme etc.) in eine andauernde Stresslage geraten ist, leidet unter dem gleichen Phänomen, nämlich dass die HHNA Achse aktiviert bleibt. Auch bei kurzzeitigen Entlastungen ändert sich zunächst nicht viel daran. Grund dafür ist die hormonelle und neurochemische Dysbalance, bei der es nicht nur an Substanzen fehlt, sondern Nervenzellen effektiv geschädigt wurden und erst wieder gebildet werden müssen. Bei Angst- und Depressionserkrankten wurden hohe Cortisol (Corticotropin) Spiegel gemessen, sodaß dem Stress auf Dauer eine krankmachende Wirkung zugeordnet werden kann.

 

 

Stress wirkt im Körper ... je nach Dauer

Zusammengefaßt

Kurzzeitiger Stress ist wie eine "Gymnastikübung" für Gehirn und Muskulatur, Kreislaufsystem. Gesunde Menschen haben damit kein Problem und erholen sich rasch wieder. Auch hier hilft Bewegung zum "Kanlisieren" der Stresshormone.

Stress im KörperLangzeitstress aber ist wie ein "Marathon", dessen Zieleinlauf immer wieder verschoben wird. Alle System sind bereits völlig ausgepowert und laufen bereits heiß. Dabei kommt es zu Schädigungen im gesamten Organismus und die Erholung dauert danach besonders lange.

In der blauen Grafik sind die blauen Kästchen mit der Kurzzeitbelastung und die orangen mit der Langzeitstressbelastung beschrieben. Grafik durch Klick vergrößerbar.

Cortisolüberschuß, Serotoninmangel führen auf Dauer in die Erschöpfung.

 

 

Stress als alleinige Ursache für Burnout?

Ja und Nein. In der Praxis findet man fast immer eine massive Stressbelastung. Es gibt jedoch genug Leute, die mit Stress ganz gut können. Sie haben entsprechenden Ausgleich, wissen, warum sie sich das "antun", lieben die Herausforderung, spüren sich dabei.

Häufig läuft das Fass über, wenn Verletzungen hinzukommen, der Sinn für die ganze Sache abhanden kommt oder wenn aus anderen Gründen das Leistungsniveau nicht mehr gehalten oder gesteigert werden kann.

Eine stressreiche Lebensführung hat auch soziale Auswirkungen, die Familie oder die PartnerIn geht da nicht auf Dauer mit. Hier ergeben sich weitere Belastungen.

 

Stress los werden?

Aus dem Körper bringen wir Stress durch Bewegung und körperliche Daueraktivität. Adrenalin wird verläßlich abgebaut, der Stoffwechsel wird angekurbelt, Sauerstoff gelangt vermehrt in den Körper. Auch durch Zufuhr von Vitalstoffen wird dem Körper geholfen, den Stress zu bekämpfen. Auf der Basis einer guten Grundversorgung können wieder neue Botenstoffe gebildet werden und die Verstoffwechslung von Abfallstoffen läuft besser.

Aus dem "Kopf" bringen wir den Stress durch Entspannung, durch Vielseitigkeit bei den Gedankenthemen, durch meditative Hingabe an Lieblingsbeschäftigungen. Ja letztlich durch liebevolles Handeln.

 


 

Quellen

http://www.wasistdepression.ch/

http://www.orthoanalytic.ch

http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/STRESS/

http://www.mentalmed.de/

http://arnold-hilgers-institute.com/tl/neuroendokrine-stressachse.html

www.dieSanfteMedizin.de

http://www.peak.ag/blog/category/holger-gugg

http://www.tm-independent.de/Stress/Stress___Seele/tm_und_stress.html

www.body-coaches.de